Das Goetheanum
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Im Uhrwerk der Welt

Im Uhrwerk der Welt

Das große Uhrwerk, das in den Himmel geschrieben ist und mit Planeten und Sternen seine Bahnen zieht, ändert diese Welt und den Himmel. Es hebt Berge aus Meeren und versetzt Täler, zieht Wälder groß und baut sie ab, es verändert die Natur in den Jahreszeiten und wirkt in der menschlichen Geschichte. Ein großes, wunderliches und wunderbares Schauspiel betrachtet die Seele. Auch ihr hat der Geist eine Rolle zugewiesen, die Zeit zu durchwandern vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende. Die Seele bewegt sich schnell, wie ein Vogel im Sturzflug, durch den Tunnel der Zeitalter, die an ihr vorbeirauschen: Gesichter, Lächeln, Schluchzen, Ernst, Witz, Freude, Schmerz, Kinder, Menschen, Männer, Frauen, arm, reich ziehen an ihr vorbei. Sie kennt diese Gestalten nicht, doch fühlt sie sich seltsam eng verbunden und vertraut mit ihnen. Es sind Menschen, Schicksale, Lebensgeschichten, welche die Seele durchfliegt, die teils lange vergangen, teils noch nicht gelebt sind. Die Seele sieht sie nicht von außen, sondern von innen sich abspielen, als stünde sie in einem drehenden Kreisel, der sich um die eigene Achse dreht. Das Verborgenste und Innerste, das Eigene, das jedem Menschen am vertrautesten und für alle anderen unsichtbar ist, bezeugt die Seele auf ihrem Flug durch die Zeit. Sie kennt diese Menschen und ihre Schicksale nicht. Sie ahnt nur, was sie bewegt, was sie sich wünschen, ahnt ihre Ängste und Sorgen, ihr Ringen und ihre Freuden. All diese Seiten des Menschen sieht sie von innen her in den Tiefen eines Uhrwerks, das sich in sich selbst dreht: Schreie, geschlossener Mund, Blick aus braunen Augen, Kapuze, verzierte Haartracht – zahlreiche Völker und Kulturen schaut die Seele und sieht über sich die großen Kulturgeber stampfen: mächtige Geister, welche die Menschen die Wissenschaften und Künste lehrten. Manche dieser Geister tragen blaue Rüstungen und befehligen Schatten und Nebelschwaden; andere sind ganz grün, in vibrierende Gewänder und Umhänge gehüllt und ziehen die Säfte aus den Pflanzen; andere sind hellbraun und dünn wie Bambuswälder. Sie fällen unsichtbare Bäume im Geisterreich und reichen sie den Völkern, die auf der Erde Zivilisationen erbauen und Wissenschaften betreiben.

Andreas Blaser · 18. Juni 2026 · 1 Min.

Ein Instrument für den Ton selbst

Ein Instrument für den Ton selbst

Die Leier, Lyra oder Kithara ist eines der ältesten bekannten Saiteninstrumente. Ihre Geschichte reicht 5000 Jahre nach Mesopotamien zurück. 1926 entwickelte der Instrumentenbauer Lothar Gärtner in Kooperation mit dem Musiker Edmund Pracht eine neue Form des Instruments, sodass es jetzt seinen 100. Geburtstag feiert. Wolfgang Held im Gespräch mit den drei musikalisch und therapeutisch Tätigen Viola Heckel, Susann Temperli und Christian Giersch.

Viola Heckel, Susann Temperli, Christian Giersch und Wolfgang Held · 10. Juni 2026 · 4 Min.

Zuschriften zum Gespräch mit Serhii Kopyl

Zuschriften zum Gespräch mit Serhii Kopyl

Gedanken und Leserreaktion zum Interview ‹Alles, was mir gehört, trage ich mit mir› von Frode Barkved mit Serhii Kopyl, ‹Goetheanum› 18 vom 1. Mai 2026. Winston Churchill schreibt, dass das erste Opfer des Krieges die Wahrheit sei, die Sprache. Tatsächlich lässt Gewalt verstummen und sie polarisiert. Wir freuen uns deshalb, wenn wir hier über diesen furchtbarsten Krieg nach 1945 in Europa ins Gespräch kommen.

Redaktion · 21. Mai 2026 · 1 Min.

Der lange Atem für die Farbe

Der lange Atem für die Farbe

Im Jahr 1926, vor 100 Jahren, kam ein 20-jähriger Kunststudent vom Royal College of Art in London zu einer Sommertagung ans Goetheanum in Dornach. Er hatte eigentlich vor, seine Reise nach Frankreich fortzusetzen, entschied sich jedoch, zu bleiben. So sehr hatte ihn dieser Ort ein Jahr und vier Monate nach Rudolf Steiners Tod angezogen. Als er etwa 50 Jahre später in einem Interview gefragt wurde, wie es im Goetheanum in den ‹Anfängen› gewesen sei, war eine seiner stärksten Erinnerungen die nachhaltige Stimmung, die besondere Atmosphäre des Ortes: «Das Leben hier war damals ganz anders. Es war eine Stimmung, eine ungeheure Stimmung hier! Ich war kurze Zeit auch Wächter, als es im Bau noch keinen [Großen] Saal gab, sondern nur Gerüste dort waren. Von oben tropfte etwas […], man hörte es nach einiger Zeit unten als Klang tief in der Nacht. Ich war Dämmerungs-Wächter meistens und schlief dann oben in der Schreinerei. Man musste um sechs Uhr schon aufstehen und da sein bis zehn Uhr. Ich konnte deswegen in alle Räume gehen. So kam ich immer in Dr. Steiners Atelier, und auch in Frau Dr. Steiners Räume. Also, was da für Stimmung war! Dr. Steiners Bett war noch da, wie es war. Sein Tisch mit seinem Schreibzeug. Alles genau, wie er es gebraucht hatte, war noch da. Die Holzstatue war noch da, Luzifer und Ahriman waren noch da, und der wunderschöne Plastilin-Christus-Kopf. […] Und dann die Proben, die man damals mitmachte, und diese Menschen da. Es war voll die Luft! Es kam ganz ‹Dornach› zu den Vorlesungen damals, Zuccoli, Savitch, jeder war da, man kannte sie. Nicht dass man mit denen sprach, aber es gab einfach Stimmung. Und auf der Bühne, was da geschah! Ja, und auch in den Proben. Das war wirklich etwas! – Es waren viel weniger Menschen da, vielleicht 300 oder so etwas. Keine Fremden durften zur ersten Zeit [nach dem Brand] in das Gelände überhaupt kommen. Das kleine Wachhaus, – Dubach stand dort, Kemper stand dort, Trapesnikov war da. […] Ob ich in die Probe kommen durfte, weiß ich nicht mehr – aber ich ging einfach hin und sie [Marie Steiner] hat mich nicht herausgeworfen. Ich saß ganz hinten und schaute zu – es war wirklich sehr interessant! Ich war bei den Eurythmie- und Schauspielproben – beides. Und sie war derart streng, Frau Dr. Steiner. Und dann Steffen, er las die Vorträge von Rudolf Steiner vor, wie wenn es seine eigenen wären. Das war etwas; enorm, wie das war! Ich verstand alles, obwohl ich erst die Sprache lernte allmählich. Aber man verstand es einfach.»11

Caroline Chanter · 21. April 2026 · 4 Min.

Eine Lichtgestalt in Davos

Eine Lichtgestalt in Davos

Davos, 21. Januar 2026 – eine andere Geschichte des World Economic Forum. Schwarze Limousinen schieben sich durch die Hauptstraße von Davos. Schwere Fahrzeuge, Sicherheitskräfte, Absperrungen. Das vertraute Bild des Weltwirtschaftsforums (WEF): konzentriert, abgeschirmt, zielgerichtet. Menschen in dunklen Mänteln eilen von Termin zu Termin, die Zukunft der Welt in dichten Programmen verhandelt. Und dann, am Bubenbrunnenplatz, hält etwas inne. Mitten im Strom des WEF steht plötzlich eine leuchtende Figur. Größer als die Menschen, die sie umgeben. Still. Ohne Worte. Sie stellt keine Forderungen, sie erhebt […]

Team des World Child Forum · 24. Februar 2026 · 1 Min.