Das Goetheanum
Rubrik · Zeitsymptome

Rubrik

Zeitsymptome

17 Beiträge

Wer die Kraft erfährt, wird KI meistern

Wer die Kraft erfährt, wird KI meistern

Das Prinzip ‹Geist ist niemals ohne Materie; Materie ist niemals ohne Geist› gehört zur Überzeugung vieler spiritueller Richtungen, doch wie erfahren wir diese Einheit? Die Kräfte, die mit, in und durch uns wirken, zu spüren, ist eine erste Antwort. Die Vorstellung, Technologie als ‹intelligent› zu betrachten, gründet sich auf der mechanistischen Sichtweise. Was Logik und Algorithmus übertrifft, was individualisiert statt homogenisiert, ist das innere Streben. Es ist ein Weg, der von den Rhythmen und vom Wissen des menschlichen Herzens im wechselseitigen Spiel zwischen Selbst und Welt im Fluss der Zeit sich bahnt – außerhalb der Zwänge und Strukturen intelligenter Technologie.

John Bloom · 07. Mai 2026 · 4 Min.

Der Hofpoet der Kritischen Theorie

Der Hofpoet der Kritischen Theorie

Der Tod des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge hat mich besonders berührt, weil ich persönlichen Kontakt zu ihm hatte, das erste Mal 1999, als Kluge mich in Berlin zu einem Gespräch über meinen Film ‹Schwarze Sonne› für seinen DCTP-Kanal bei Sat1 einlud.1 Es war die Zeit der Berlinale und wir tauchten in einem intensiven Austausch in die bizarre Mythenwelt des Nationalsozialismus ein, die ich in einem Dokumentarfilm erforscht hatte. Wir trafen uns im Hotel Intercontinental, wo viele Regisseure, Schauspielerinnen, Filmproduzenten und Festivalbesuchende abgestiegen waren. Kluge hatte im Rummel des Foyers Kameras und Scheinwerfer aufgebaut. Doch weder die vielen Menschen noch die Geräuschkulisse störten uns, da wir durch einen Kokon von Intensität von der Außenwelt abgeschirmt wurden. Ich erläuterte Kluge mythologische Dimensionen hinter der Nazi- und SS-Ideologie, die auch ihm gänzlich unbekannt waren, sprach etwa über kultische Räume der Wewelsburg oder die Vorstellung Heinrich Himmlers, eine Inkarnation von König Heinrich I. zu sein, mit dem er an dessen Grab in der Krypta des Quedlinburger Domes nächtliche Zwiesprache hielt. Das Besondere an Kluge war dessen offene Geisteshaltung für diese Themen. «Man muss das Gift studieren», sagte er während des Interviews, echte Aufklärung müsse die «Notwendigkeit reaktualisieren, warum der Nationalsozialismus in die Welt kam», nur «an der Kampfzone, an der Verwundung selbst kann etwas heilen.»2

Rüdiger Sünner · 21. April 2026 · 4 Min.

Bildet sich die Gemeinschaft im Spiegel der Menschen­seele?

Bildet sich die Gemeinschaft im Spiegel der Menschen­seele?

9. März, abends. Zögernd greife ich in die Tastatur, um ein Stimmungsbild des Nahen Ostens zu vermitteln. Als in der Schweiz lebender ehemaliger Israeli wendet sich mein Blick naturgemäß zunächst zu meiner Tochter, meinem Bruder, deren Familien, meinem Freundeskreis in Israel. Dann lenke ich ihn zu all jenen, welche ebenfalls betroffen sind – ein Blick in einen Abgrund. Je weiter das Blickfeld wird, desto glatter scheinen die Ränder, an denen man steht, desto tiefer und dunkler diese Abgründe. Eine WhatsApp-Gruppe ruft für Dienstag, 10. März, 17 Uhr, alle Israelis auf, sich auf die Straßen, auf ihre Balkone zu begeben und mit Lichtern, Flaggen, Singen und Händeklatschen den Piloten der Luftwaffe dafür zu danken, was sie heroisch für ‹uns› tun, um die iranische Bedrohung und die libanesische Hisbollah zu eliminieren. Kein Wort von den Tausenden, die dabei ihr Leben verlieren. Die Journalistin Yoana Gonen schreibt am 9. März in der Tageszeitung ‹Haaretz› unter dem Titel: ‹Zurück zur Routine, unter Feuer›: «Der emotionale Faschismus begnügt sich nicht damit, den Widerstand gegen den Krieg zum Schweigen zu bringen. Er fordert, dass ihr ihn genießt und mehr davon verlangt, dass ihr euch in ihn verliebt, dass ihr euch bedankt. In so einer Realität ist auch das Klagen eine Art von Aufstand: Das Verweigern, sich an das Unerträgliche zu gewöhnen.»

Udi Levy · 17. März 2026 · 4 Min.