Das Goetheanum
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34 Beiträge

Auge, Ohr und Herz der Gemeinschaft

Auge, Ohr und Herz der Gemeinschaft

Dietrich Bonhoeffer, Theologe und Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus, hat sich viel mit menschlicher Gemeinschaft beschäftigt. In seinem Buch ‹Gemeinsames Leben› rät er dazu, dreierlei in einer Gemeinschaft zu leben: 1. Man sollte die menschliche Gemeinschaft nicht idealisieren, sondern annehmen, dass ihre Mitglieder unvollkommen sind und dass es die göttliche Gnade ist, die Gemeinschaft segnet. Man solle die anderen annehmen, wie Gott sie annimmt. Durch diesen milden Blick, den wir einander geben, sei das Göttliche anwesend. 2. «Der erste Dienst, den einer dem andern in der Gemeinschaft schuldet, besteht darin, dass er ihn anhört.» So kommt in den Blick das offene Ohr für die anderen. 3. Bonhoeffers dritter Punkt betrifft das Herz: «Eine christliche Gemeinschaft lebt aus der Fürbitte der Glieder füreinander.» So sind es Auge, Ohr und Herz, die wir uns schenken und die ermöglichen, dass eine Gemeinschaft zu leben beginnt, dass sich der Himmel über sie spannt.

Wolfgang Held · 10. Juni 2026 · 1 Min.

Von Bäumen lernen

Von Bäumen lernen

Die Lebensgeschichte eines Baumes ist in sein Inneres eingeschrieben. Jedes Jahr legt sich eine neue Schicht von Zellen um den hölzernen Kern und versorgt den Baum mit Wasser und Nahrung, bevor auch diese Schicht, sich verhärtend, die Schicht des kommenden Jahres stützen wird. Die Dicke und die Farbe jeder Schichtung erzählt eine Geschichte von Wetter und Umständen. War es windig, nass, besonders heiß in jenem Jahr? Gab es Feuer? Eine Trockenheit? Alles, was geschehen ist, ist eingeschrieben im Holz, sofern man es lesen kann. Und all das ist umgeben von einer ganz anderen Sustanz: der Rinde. Zwischen Holz und Rinde scheint nichts zu sein. Nur eine Demarkationslinie, feiner als ein Haar. Das aber ist die einzige Stelle, die lebt und wächst – Holz und Rinde nicht. Man nennt es das Kambium, und es ist nur so dick wie eine Zelle. Die Kambiumzellen sind nicht differenziert. Sie sind weder Holzzellen noch Rindenzellen, aber sie werden sich schlussendlich zu beiden entwickeln. Während diese kaum wahrnehmbare lebendige Schicht dem Kosmos lauscht, pulsiert sie im Rhythmus der Jahreszeiten und Sterne, teilt sich und stirbt, um zur wassertragenden Kraft oder zum schützenden Ring zu werden. Wieder und wieder, Jahr um Jahr. Kontinuierlich fällt der Tod aus dem Leben.

Laura Liska · 03. Juni 2026 · 1 Min.

Wenn es um Leben und Tod geht

Wenn es um Leben und Tod geht

Zwei Momente sind es, da wird es in einer Gemeinschaft wie von Zauberhand dicht und innig. Es sind Augenblicke, in denen sich über die Gruppe der Himmel senkt, und es geschieht dann, wenn es sprichwörtlich um Leben und Tod geht, wenn aus dem Leben eines Menschen oder über das Leben eines Menschen gesprochen wird. Im ersten Fall ergreift man selbst das Wort und schildert den Gang, die Stationen des eigenen Weges. Es gibt wohl keinen solchen Lebensbericht, wo die Zuhörenden nicht still werden und staunen über die rätselhaften Fügungen und Besonderheiten, die das Leben zur Biografie, zur Lebensschrift erhöhen. Im zweiten Fall sind es die Zeugen und Zeuginnen eines abgeschlossenen Lebens, die die Lebensspur des Verstorbenen erzählen. Auch hier braucht es nur wenige Sätze und schon glimmen – auch wenn Tragisches in der Erzählung seine Schatten wirft – Weisheit und Tiefe der Lebensspur auf. Wie ein Gottesdienst der Neuzeit ist, wenn es so um Leben und Tod geht, der Geist unter uns – ein Pfingstereignis. Wir sollten häufiger und leidenschaftlicher über unsere Leben sprechen und so den großen Schatz – das gelebte Leben –, den jeder und jede mit sich führt, teilen. Denn auch hier gilt, wie für alles Immaterielle: Was man teilt, wächst.

Wolfgang Held · 28. Mai 2026 · 1 Min.

Unsere vielen Kleider

Unsere vielen Kleider

Ich verlangte eine Quittung für den viel zu teuren Besuch des kleinen äthiopischen Gehöfts. Aber die Männer sahen nur verständnislos zu mir herüber. Wurde ich gerade übers Ohr gehauen? Ich hörte mich an wie meine Mutter und erkannte unverhohlen, dass ihr Umgang mit den Dingen mich geprägt hatte. Witzig und charmant versuchte ich, die Situation dann zu überspielen, ohne mein Frausein in den Fokus zu rücken. Denn die haben in diesen Dingen bestimmt nicht viel zu sagen hier. Im Stillen befand ich den Guide als überheblich, bevor ich mitbekam, dass er der Linie der Clanführer entstammte. Schlussendlich saß ich in der Hütte der jungen Ehefrau und lauschte ihrem Gesang – so schön wie der Savannenwind um 17 Uhr.

Gilda Bartel · 20. Mai 2026 · 1 Min.

Galatea, die Schönste

Galatea, die Schönste

Wo die Natur sich als Wind oder Flut bewegt, da dachten die Griechen der Antike Naturwesen, die Nymphen. Die Nereiden, hundert Töchter des Nereus, wie Platon erzählt, sind solche auf Delfinen reitenden Elementarwesen im Mittelmeer. Kalypso, die sich in Odysseus verliebt, ist eine der bekanntesten und Galatea, die ‹Milchweiße›, die schönste unter ihnen. Bei Homer ist sie mit dem einäugigen Riesen Polyphem verbunden – derselbe Mythos wie später das Märchen ‹Die Schöne und das Biest›: Schönheit macht das Hässliche schön. Bei Ovid ist sie eine Statue von solcher Schönheit, dass sich der Bildhauer in sein Werk verliebt und Aphrodite ihr darauf das Leben schenkt. Schönheit macht lebendig! Das nimmt Goethe für den ‹Faust›. Dort will der Kunstmensch Homunculus lebendig werden und stürzt sich dazu in diese Naturschönheit. Auch hier: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.»

Redaktion · 07. Mai 2026 · 1 Min.

Wir tragen ein Kind in uns

Wir tragen ein Kind in uns

Ein Kind, das der Eltern entbehrt, malt sich die Mutter mit Kreide auf den Boden und legt sich in das Bild und schläft ein. Ein Fotograf hält das berührende Bild fest. Offenbar trägt das Kind die Form der Mutter in sich. So tragen wir ein Kind in uns, das wir ebenso brauchen, wie umgekehrt das Kind auf Eltern angewiesen ist. Vor vierzig Jahren wurde in der Psychotherapie das Konzept des ‹inneren Kindes› entwickelt, das sich in der Traumatherapie als fruchtbar erwies. Die Psychotherapeutinnen Erika Chopich und Margaret Paul haben in ihrem Buch ‹Aussöhnung mit dem inneren Kind› 1990 die Notwendigkeit, dieses Kind mit dem liebevollen inneren Erwachsenen in Kontakt zu bringen, im Blick. Was ist das innere Kind? Es entsteht aus dem spontanen Fühlen des Menschen, das oft früh enttäuscht wird. Es erlebt ungehemmt die Skala der Gefühle wie Freude und Schmerz, Glück und Trauer. Es wird mit Fühlen, Erleben und Sein in Zusammenhang gebracht, während Erwachsene für Denken, Handeln und Machen stehen und von gehemmten Gefühlen beherrscht werden. Das innere Kind ist die Quelle der Genialität eines Menschen. Wird es enttäuscht, kapselt es sich ab.

Martin Kollewijn · 07. Mai 2026 · 1 Min.

Europa am Zug

Europa am Zug

Wenn Außerirdische die Erde besuchen würden, empfiehlt Peter Sloterdijk Europa als Landeplatz,1 denn hier würden die Aliens die friedlichste Seite der Erde finden. In seinem jüngst erschienenen Buch zu Europa ‹Der Kontinent ohne Eigenschaften› erklärt er seinen Ratschlag: Während die USA seit 100 Jahren imperiale Denkformen verfolgen und «der russische Dämon nach einer Scheintodphase wieder erwacht sei», habe Europa den gesamten Lehrgang des Imperialismus durchlaufen und sei nun in einem «tragischen Bewusstsein» aus der Weltgeschichte ausgetreten. Anders als China, das wirtschaftlich seine imperialen Karten ausspielt, und auch anders als der Nahe Osten, wo die Mächte nach Expansion schielen, sei Europa vom Habenwollen kuriert.

Wolfgang Held · 29. April 2026 · 1 Min.

Im Namen der Menschheit

Im Namen der Menschheit

Es liegt am Fuß des Goetheanum und birgt seine Schätze unter der Erde – das Rudolf Steiner Archiv. Auch die verspielte Bauform von Haus Duldeck verhüllt den Rang dieses Schatzhauses der Anthroposophie. Es müsste eine Kathedrale sein, wie Chartres, von Weitem im Dunst am Horizont sichtbar, um den Reisenden, den Pilgern Orientierung zu geben, ein Louvre, ein Fort Knox des Geistes, zu dem man aufsteigt – wie zum Apollontempel in Delphi, um mit Ehrfurcht in den Gliedern seine persönliche Frage zu finden. Doch es ist ein Gartenhaus im Goetheanum-Park. Als wäre dort ein Café und nicht das, was aus seinen Quellen Millionen Menschen erreicht hat: ein Stein der Weisen, Chiffren für ein Jahrtausend.

Wolfgang Held · 14. April 2026 · 1 Min.

Wie man Brot teilt

Wie man Brot teilt

Güte, Kraft und Liebe – die drei Säulen der Erziehung als Tagungsthema. Zwei Kinder sitzen auf dem Boden, eines bekommt ein Brot zu fassen. Da beginnt ein Streit, weil das andere Kind leer ausging. Die europäische Mutter beugt sich hinunter, teilt das Gebäck in zwei Teile und gibt jedem Kind eines. Die Welt scheint wieder in Ordnung zu sein. Wirklich? Die gleiche Szene in Zentralafrika, wie es der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld beschreibt.1 Wieder hat eines der beiden Kinder das Brot in der Hand und wieder nimmt es die Mutter und teilt es in zwei Stücke. Doch jetzt gibt sie beide Teile dem Kind, das zuvor den ganzen Brotschatz besaß, zurück. Was passiert? Die Kleine schaut sich die zwei Teile in ihren beiden Händen an, ihr Blick wechselt vom linken zum rechten, dann zum brotlosen Geschwisterkind. Da reicht sie ein Teil hinüber. Was für ein Bild! Die Kraft schenkt der Mutter die Stärke, einzuschreiten und das Brot an sich zu nehmen, die Güte, es gleichmäßig in zwei Teile zu trennen, und die Liebe, es dem ursprünglichen Kind zurückzugeben. So kann das Kind sein Mitgefühl entdecken und wird nicht genötigt. Was die afrikanische Mutter macht, erwartet Liebe und schenkt sie zugleich. So ist es auch mit der Güte und Kraft: Wo wir sie geben, laden wir dazu ein, dass sie sich entfalten. So wie das Kind Kraft, Liebe und Güte empfängt und zu geben vermag, ist es auch bei uns Großen: Wir lieben, sind gütig und stark, wenn wir Liebe, Güte und Kraft empfangen können – wo geht das besser als bei den Kindern selbst, denn wer ist so lieb, gut und stark wie sie?

Wolfgang Held · 26. März 2026 · 1 Min.

Dornige Pfade

Dornige Pfade

Was gibt es doch für viele dornige Pfade, die ich gehen muss! Und ich muss überall durch, und nur ich allein bin der Maßstab für mich selbst, ich muss alles selbst herausbekommen und selbst meine eigenen Formulierungen und meine eigenen kleinen Wahrheiten finden. Manchmal verwünsche ich die schöpferischen Kräfte in mir, die mich zu weiß Gott welchen Dingen antreiben, aber zuweilen erfüllt mich auch große Dankbarkeit, fast schon Ekstase. Und diese Höhepunkte der Dankbarkeit dafür, so voll Leben sein zu dürfen, und für die Möglichkeit, die Dinge allmählich begreifen zu können, wenn auch auf meine Weise, lassen mir jedes Mal wieder das Leben der Mühe wert erscheinen, sie werden immer wieder zu den Pfeilern, auf die sich mein Leben stützt.

Etty Hillesum · 17. März 2026 · 1 Min.

In Gemeinschaft

In Gemeinschaft

Das Thema der diesjährigen Tagung der Landwirtschaftlichen Sektion war ‹You never farm alone› (Du bist nie allein auf dem Feld), und so war auch die Veranstaltung: reich an Begegnungen, Lernerfahrungen und Inspiration. Die Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit der Landwirte und Landwirtinnen in den Berichten erinnerte die Teilnehmenden daran, dass Landwirtschaft mehr ist als nur Land und Ernte, sondern auch aus Menschen und Gemeinschaft besteht.

Eduardo Rincón · 17. März 2026 · 1 Min.

Think it your way

Think it your way

Stephen Colbert, Moderator der US-‹Late Show›, erfuhr von seinem Sender, dass James Talarico, ehemaliger Mittelschullehrer mit theologischem Abschluss, der in Texas für den US-Senat kandidiert, nicht in seiner Show auftreten dürfe. Die Entscheidung wurde mit Richtlinien der TV-Aufsicht aus dem Jahr 1934 begründet. Hintergrund dieses ungewöhnlichen Eingriffs ist wohl, dass Talarico von der Trump-Regierung als Bedrohung betrachtet wird, weil seine christlich-humanistische Botschaft parteiübergreifend Gehör findet. Das Interview wurde jedoch auf einem Youtube-Kanal veröffentlicht, wo solche Vorschriften nicht gelten, und erreichte acht Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer in einer Woche.1 Eine Botschaft von Talarico lautet, dass christlicher Nationalismus für Spiritualität und Kirche schädlich sei. James Talarico dankte seinem Großvater dafür, von ihm gelernt zu haben, dass ein Christentum seine prophetische Stimme verliert, wenn es sich mit politischer Macht arrangiert. Laut Talarico ist es für jede spirituelle Organisation schlecht, sich mit einer politischen Partei zu verbinden. Dieser Gedanke folgt einer Idee des Gründervaters der USA, Thomas Jefferson: Religiöses Leben von politischer Macht, öffentlichen Finanzen und Politik zu befreien, schenkt dem Glauben Weisheit und Tugend.

Nathaniel Williams · 04. März 2026 · 1 Min.

Himmlische Wurzeln

Himmlische Wurzeln

Betrachtet die Pflanze: Sie besitzt zwei Weisen des Seins. Die Blüte trägt ein vergängliches Ich, die Wurzel ein beharrendes Ich. Vielleicht sind wir ebenso beschaffen und bergen irgendwo in uns ein latentes Ich – Quell und Herd unserer aufeinanderfolgenden Existenzen, Wurzel unserer abwechselnden Entfaltungen, zentrale Seele, die wir nach jedem unserer Tode in den Tiefen des Unendlichen wiederfinden. Dort, sofern dieser Hypothese irgendein Grund innewohnt, ruht und erwartet uns das kollektive Bewusstsein aller unserer getrennten Leben und die wahre Einheit unseres Ich.

Victor Hugo · 24. Februar 2026 · 1 Min.

Weitergeben

Weitergeben

Als der und jener ist zwar jeder schon da. Aber keiner ist, was er meint, erst recht nicht, was er darstellt. Und zwar sind alle nicht zu wenig, sondern zu viel von Haus aus für das, was sie wurden. Später gewöhnen sie sich an die Haut, in der sie nicht nur stecken, sondern in die man sie auch noch gesteckt hat, beruflich oder wie sonst. Aber da fand einmal ein Bursche, weit von hier, einen Spiegel, kannte so etwas noch gar nicht. Er hob das Glas auf, sah es an und gab es seinem Freund: «Ich wusste nicht, dass das dir gehört.» Dem andern gehörte das Gesicht auch nicht, obwohl es ganz hübsch war.

Ernst Bloch · 19. Februar 2026 · 1 Min.

Itas Hände

Itas Hände

Zum 150. Geburtstag von Ita Wegman schauen wir auf Fotos, Briefe und Schriften von ihr. Wie wäre es, wenn wir auch an Ita Wegmans Hände denken würden? Wie waren ihre Hände? Waren sie groß oder klein, stark, weich, sensibel, schnell oder langsam? Wie waren die Hände und Füße dieses besonderen Menschen? Vor ihrem Medizinstudium hat sie Physiotherapie gelernt und praktiziert und die Kunst der rhythmischen Massage entwickelt. Mit den ersten anthroposophischen Krankenschwestern hat sie zusammengearbeitet, um äußerliche Anwendungen zu entwickeln. Diese Hände haben viel geleistet. Sie arbeiteten unermüdlich daran, die Heilungsbedürfnisse jeder neuen Lage zu erkennen und zu erfüllen.

Adam Blanning · 19. Februar 2026 · 1 Min.