Der lange Atem für die Farbe
Im Jahr 1926, vor 100 Jahren, kam ein 20-jähriger Kunststudent vom Royal College of Art in London zu einer Sommertagung ans Goetheanum in Dornach.
21. April 2026 · 4 Min. Lesezeit

Zum 100-jährigen Jubiläum der Ankunft von Gerard Wagner am Goetheanum.
Malen aus der Farbe
Nach dem Besuch der Goetheanum-Malschule von Henni Geck arbeitete Gerard Wagner selbstständig und war bestrebt, einen Weg zu finden, mit Farben zu arbeiten, der auf Rudolf Steiners Anweisungen für Maler basierte. Die Form, das Motiv «aus der Farbe heraus» zu finden, war das Rätsel, das ihn faszinierte und das es zu entschlüsseln galt. Der Fortschritt war langsam – es dauerte etwa zwölf Jahre, bis er erste Werke ausstellte. Sein Weg war ein intensiver innerer Prozess, den er vor einer Staffelei in einem kleinen Raum unter ärmlichsten Verhältnissen durchlief. Andere, die seine Ernsthaftigkeit erkannten und den sympathischen Engländer mochten, halfen ihm, wo sie konnten. Ingeborg Maresca, eine Schülerin des Bildhauers Oswald Dubach, erinnerte sich daran, wie sie Gerard Wagner während des Krieges zum Essen eingeladen hatte: «Im Umkreis des Goetheanum waren wir alle eine große Familie, die sich in der Kantine [Speisehaus] traf, nicht unbedingt zum Essen, sondern um eine Tasse Kaffee zu trinken, zu rauchen, Schach zu spielen oder was auch immer. Gerard Wagner war ein Einzelkämpfer, der in seinem Atelier lebte und arbeitete. Er war wie ein russischer Mönch mit seinem blassen Gesicht, seinem feinen Kopf und seiner schwarzen Kleidung: ‹Malend für Gott›. Ich lud ihn zum Essen ein, wofür ich mir meine Butterration aufgespart hatte, und er zeigte mir seine Bilder in seinem Atelier im Eckinger Haus (Blumenweg 3). Louise von Blommestein lud ihn ebenfalls ein, und er nahm seine Bilder mit, um sie ihr zu zeigen.»12

Das Esoterische vor dem Akademischen
Mit der Zeit und auf ruhige Weise wurde der «russische Mönch mit dem blassen Gesicht» nicht nur in Dornach, sondern auch darüber hinaus, vor allem in der englischsprachigen anthroposophischen Welt bekannt. Er begann, Malunterricht im Goetheanum zu geben. Mithilfe seiner Schülerin und späteren Ehefrau Elisabeth Wagner Koch entwickelte sich ab den 1960er-Jahren im Atelierhaus, Brosiweg 41, eine Malschule. Bis wenige Monate vor seinem Tod im Alter von 93 Jahren unterrichtete er zweimal pro Woche Studierende und malte weiterhin täglich. Mit seiner unkonventionellen Herangehensweise und seiner natürlichen Art, das Esoterische vor das Akademische zu stellen, wurden die Studierenden durch die Stimmung, die er in das Atelier brachte, ‹gebildet›. Eine Schülerin erinnerte sich: «Wenn wir malten und sich die Tür öffnete und Herr Wagner leise eintrat, veränderte sich die Atmosphäre im Atelier sofort. Eine große Ruhe senkte sich auf uns, während wir erwartungsvoll auf unsere Begegnung mit dem Meister warteten.»13
Die Verbindung zwischen Malerei und einem Weg der inneren Entwicklung, die Gerard Wagners Ansatz prägte, wurde von Gennadi Bondarev beschrieben: «Nachdem Gerard Wagner zu Beginn die Originale Rudolf Steiners zunächst kopierte, konnte er nach und nach als Mensch neue Ebenen seiner Persönlichkeit entwickeln, was ihm erlaubte, in die esoterische Tiefe jener Arbeiten zu dringen, in das Geheimnis der in ihnen enthaltenen Metamorphose der Kunst. Eine solche Erfahrung kommt dem erfolgreichen Vorwärtsschreiten eines esoterischen Schülers auf dem Schulungsweg gleich. Deswegen verwandelte sich das Leben Gerard Wagners nach seinem Umzug nach Dornach in ein unablässiges meditatives Üben am Wesen der Farbe, an den ‹farbigen Mantren›, den Schulungsskizzen Rudolf Steiners. In dieser Beziehung erinnert sein Schicksal an jenes der alten Ikonenmaler, von denen einer Andrej Rubljow, «der fromme Mönch», war; doch in Bezug auf die angespannte schöpferische Suche wäre es eher mit dem Schicksal Michelangelos zu vergleichen. Es liegt darin nichts Übertriebenes oder Unglaubliches, wenn wir verstehen, dass das wahre Wesen der Synthese, die Meisterschaft des Malers mit der Schülerschaft des Meditierenden, von Gerard Wagner geleistet wurde.»14
In diesem Zusammenhang erinnerte sich ein ehemaliger Schüler an eine bestimmte Farbübung: «Herr Wagner liebe es, jedes Trimester mit der Gelb-Blau-Rot-Übung zu beginnen. Einmal wies er uns im Zusammenhang damit auf eine Forderung an den Geistesschüler hin, die in ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten› beschrieben wird. Rudolf Steiner führt aus, wie derjenige, der sich wahrnehmend in der geistigen Welt bewegen will, um die Wahrnehmungen richtig beurteilen zu können, etwas vollziehen muss, was ‹eine Hütte bauen› genannt wird. Das heißt, er muss sich irgendwo einen Ort suchen, den er ganz genau erforscht und geistig für sich in Besitz nimmt. In diesem Orte muss man sich eine geistige Heimat gründen, und dann alles andere zu dieser Heimat in ein Verhältnis setzen. So war für Herrn Wagner diese Übung die Hütte, zu der man immer wieder zurückkehren sollte, wenn man den Boden unter den Füßen verlor und seine malerischen Erfahrungen nicht mehr beurteilen konnte.»15
Über 5000 Werke
Wagners Werk basiert auf Rudolf Steiners Kunstrichtlinien und dem anthroposophischen Weltbild insgesamt. Abgesehen von einer Vielzahl eher persönlicher Themen, wie beispielsweise dem in den 1950er-Jahren entwickelten Taufe-Motiv, umfassen die verschiedenen Bereiche der Farbstudien, von denen ihn viele seit seinen Anfängen in Dornach begleiteten, unter anderem: die Schulungsskizzen; die Goetheanum-Kuppelmalerei; Handarbeit und Bekleidung; Grafik – Buchumschläge und Plakatgestaltung. Er malte Wandbilder für Schulgebäude, für ein Krankenhaus und für einen Aufbahrungsraum in einer Kirche der Christengemeinschaft. In den frühen 1970er-Jahren schuf er im Goetheanum die Wandmalereien des Englischen Saales [heute ‹Goetheanum Studio›] und 1990 die im Grundsteinsaal. Der Aspekt seines Schaffens, für den er wohl am liebsten in Erinnerung bleiben möchte, wäre höchstwahrscheinlich seine Pionierforschung zur Farbmetamorphose, durch die eine neue Wissenschaft des Lebendigen durch die Kunst sichtbar gemacht wurde.
Bilder Gerard Wagner Archiv




