Das Goetheanum
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Der lange Atem für die Farbe

Der lange Atem für die Farbe

Im Jahr 1926, vor 100 Jahren, kam ein 20-jähriger Kunststudent vom Royal College of Art in London zu einer Sommertagung ans Goetheanum in Dornach. Er hatte eigentlich vor, seine Reise nach Frankreich fortzusetzen, entschied sich jedoch, zu bleiben. So sehr hatte ihn dieser Ort ein Jahr und vier Monate nach Rudolf Steiners Tod angezogen. Als er etwa 50 Jahre später in einem Interview gefragt wurde, wie es im Goetheanum in den ‹Anfängen› gewesen sei, war eine seiner stärksten Erinnerungen die nachhaltige Stimmung, die besondere Atmosphäre des Ortes: «Das Leben hier war damals ganz anders. Es war eine Stimmung, eine ungeheure Stimmung hier! Ich war kurze Zeit auch Wächter, als es im Bau noch keinen [Großen] Saal gab, sondern nur Gerüste dort waren. Von oben tropfte etwas […], man hörte es nach einiger Zeit unten als Klang tief in der Nacht. Ich war Dämmerungs-Wächter meistens und schlief dann oben in der Schreinerei. Man musste um sechs Uhr schon aufstehen und da sein bis zehn Uhr. Ich konnte deswegen in alle Räume gehen. So kam ich immer in Dr. Steiners Atelier, und auch in Frau Dr. Steiners Räume. Also, was da für Stimmung war! Dr. Steiners Bett war noch da, wie es war. Sein Tisch mit seinem Schreibzeug. Alles genau, wie er es gebraucht hatte, war noch da. Die Holzstatue war noch da, Luzifer und Ahriman waren noch da, und der wunderschöne Plastilin-Christus-Kopf. […] Und dann die Proben, die man damals mitmachte, und diese Menschen da. Es war voll die Luft! Es kam ganz ‹Dornach› zu den Vorlesungen damals, Zuccoli, Savitch, jeder war da, man kannte sie. Nicht dass man mit denen sprach, aber es gab einfach Stimmung. Und auf der Bühne, was da geschah! Ja, und auch in den Proben. Das war wirklich etwas! – Es waren viel weniger Menschen da, vielleicht 300 oder so etwas. Keine Fremden durften zur ersten Zeit [nach dem Brand] in das Gelände überhaupt kommen. Das kleine Wachhaus, – Dubach stand dort, Kemper stand dort, Trapesnikov war da. […] Ob ich in die Probe kommen durfte, weiß ich nicht mehr – aber ich ging einfach hin und sie [Marie Steiner] hat mich nicht herausgeworfen. Ich saß ganz hinten und schaute zu – es war wirklich sehr interessant! Ich war bei den Eurythmie- und Schauspielproben – beides. Und sie war derart streng, Frau Dr. Steiner. Und dann Steffen, er las die Vorträge von Rudolf Steiner vor, wie wenn es seine eigenen wären. Das war etwas; enorm, wie das war! Ich verstand alles, obwohl ich erst die Sprache lernte allmählich. Aber man verstand es einfach.»11

Caroline Chanter · 21. April 2026 · 4 Min.

Durch Kinderaugen

Durch Kinderaugen

Von Kindern gemalte Bilder bieten unmittelbare Einblicke in ihre Welt- und Selbstwahrnehmung. Die ästhetisch-analytische Betrachtung der Bilder ist nicht nur für Eltern und Bezugspersonen spannend, sondern auch für in der Kunstpädagogik, Kultur- und Medienwissenschaft und Psychologie tätige Menschen sowie für die therapeutische und künstlerische Forschung. Das Kinderbildarchiv der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft ist eines der größten in Deutschland. Es umfasst rund 200 000 Kinderzeichnungen; die frühesten stammen aus den 1920er-Jahren. Die Sammlung wurde vor etwa 15 Jahren von der Universität zu Köln übernommen und seitdem kontinuierlich erweitert. Diese Zeitspanne von über 100 Jahren macht das Archiv zu einem wertvollen kultur- und bildungshistorischen Zeugnis. Die gesammelten Bilder zeigen, wie Kinder aus verschiedenen Regionen und Kulturkreisen Deutschlands über ein ganzes Jahrhundert hinweg ihren Alltag gedeutet haben. Die kindliche Bildsprache dokumentiert dabei auch den gesellschaftlichen Wandel von einer analogen Welt hin zu einer von Medien und digitalen Technologien geprägten Lebensrealität. Rabea Müller, Leiterin des Instituts für Kunsttherapie am Fachbereich Künstlerische Therapien und Therapiewissenschaft der Hochschule, bezeichnet das Kinderbildarchiv als «einzigartiges kulturhistorisches Gedächtnis». Die Hochschule lädt Institutionen und Fachleute dazu ein, sie bei der professionellen Archivierung der Bilder zu unterstützen, sodass vor allem die älteren Bilder vor einem drohenden Materialverfall bewahrt werden und das Archiv für eine zeitnahe wissenschaftliche Nutzung verfügbar ist.

Paula Boslau · 09. März 2026 · 1 Min.

Malen als Hingabe

Malen als Hingabe

Sich hinzugeben erfordert von uns, das eigene Selbst ganz still werden zu lassen, um in das andere einzutreten. Dieser Zustand der Hingabe wird in der Psychologie auch als Flow bezeichnet und bedeutet so viel wie ‹im Fluss sein›. Wir vergessen die Zeit und fühlen uns im Einklang mit dem, was wir tun. Kunst zu machen, ist eine mögliche Aktivität, mit der wir diesen Zustand der Hingabe und Kohärenz erreichen können. Vom 25. Februar bis 29. April bietet die Bildungsinitiative Free Columbia den Onlinekurs ‹Painting as Devotion›, deutsch: ‹Malen als Hingabe›, unter der künstlerischen Leitung von Laura Summer an. In dem Kurs lernen die Teilnehmenden das hingebungsvolle Malen. Sie üben sich darin, in die Essenz von Subjekt und Objekt einzutreten und von diesem Ort aus zu malen, frei von intellektuellen Konzepten und Erwartungen an das fertige Bild. Dieses sieht am Ende vielleicht ganz anders aus als in vorangegangenen Vorstellungen. Der Kurs findet auf Englisch statt.

Redaktion · 19. Februar 2026 · 1 Min.

Geistiges wird sichtbar

Geistiges wird sichtbar

Christian Goll wurde wenige Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in Berlin geboren. Nach dem Besuch der Waldorfschule begann er an der Berliner Akademie der Künste Malerei zu studieren und wurde dort vom Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff in seine Meisterklasse aufgenommen. Aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit den Klassenstunden sowie den Mysteriendramen Rudolf Steiners wurden die Bilder immer stärker Ausdruck seiner seelischen Erfahrungen. Sie machen Geistiges sichtbar. Von 1971 bis zu seinem Tod am 4. Mai 2025 lebte er in Dornach und widmete sich in seinem Atelier im Haus Pyle ganz der Malerei; seine Bilder zeigte er nur sehr selten ausgewählten Besucherinnen und Besuchern. Seine Tochter Felina Goll hat sich nun zur Präsentation und zu einem Verkauf der Werke entschieden. Unterstützt vom KunstSchauDepot fand am 7. Februar im ehemaligen Atelier eine Vernissage mit Ansprache von Andrea Hitsch statt. Die Musikerinnen Birgit Böhme und Ada Meinich improvisierten dabei zu den ausgestellten Bildern. Es folgte eine offene Atelierwoche, die ihren Abschluss am 14. Februar mit einer Finissage in der Himmelsbach-Stiftung findet. Wieder werden Golls Bilder von einem Konzert von Birgit Böhme und Ada Meinich mit Improvisationen und Musik von Bach begleitet.

Clemens Engel · 12. Februar 2026 · 1 Min.