Das Goetheanum
Rubrik · Philosophie

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Philosophie

7 Beiträge

Im Uhrwerk der Welt

Im Uhrwerk der Welt

Das große Uhrwerk, das in den Himmel geschrieben ist und mit Planeten und Sternen seine Bahnen zieht, ändert diese Welt und den Himmel. Es hebt Berge aus Meeren und versetzt Täler, zieht Wälder groß und baut sie ab, es verändert die Natur in den Jahreszeiten und wirkt in der menschlichen Geschichte. Ein großes, wunderliches und wunderbares Schauspiel betrachtet die Seele. Auch ihr hat der Geist eine Rolle zugewiesen, die Zeit zu durchwandern vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende. Die Seele bewegt sich schnell, wie ein Vogel im Sturzflug, durch den Tunnel der Zeitalter, die an ihr vorbeirauschen: Gesichter, Lächeln, Schluchzen, Ernst, Witz, Freude, Schmerz, Kinder, Menschen, Männer, Frauen, arm, reich ziehen an ihr vorbei. Sie kennt diese Gestalten nicht, doch fühlt sie sich seltsam eng verbunden und vertraut mit ihnen. Es sind Menschen, Schicksale, Lebensgeschichten, welche die Seele durchfliegt, die teils lange vergangen, teils noch nicht gelebt sind. Die Seele sieht sie nicht von außen, sondern von innen sich abspielen, als stünde sie in einem drehenden Kreisel, der sich um die eigene Achse dreht. Das Verborgenste und Innerste, das Eigene, das jedem Menschen am vertrautesten und für alle anderen unsichtbar ist, bezeugt die Seele auf ihrem Flug durch die Zeit. Sie kennt diese Menschen und ihre Schicksale nicht. Sie ahnt nur, was sie bewegt, was sie sich wünschen, ahnt ihre Ängste und Sorgen, ihr Ringen und ihre Freuden. All diese Seiten des Menschen sieht sie von innen her in den Tiefen eines Uhrwerks, das sich in sich selbst dreht: Schreie, geschlossener Mund, Blick aus braunen Augen, Kapuze, verzierte Haartracht – zahlreiche Völker und Kulturen schaut die Seele und sieht über sich die großen Kulturgeber stampfen: mächtige Geister, welche die Menschen die Wissenschaften und Künste lehrten. Manche dieser Geister tragen blaue Rüstungen und befehligen Schatten und Nebelschwaden; andere sind ganz grün, in vibrierende Gewänder und Umhänge gehüllt und ziehen die Säfte aus den Pflanzen; andere sind hellbraun und dünn wie Bambuswälder. Sie fällen unsichtbare Bäume im Geisterreich und reichen sie den Völkern, die auf der Erde Zivilisationen erbauen und Wissenschaften betreiben.

Andreas Blaser · 18. Juni 2026 · 1 Min.

Wer bin ich?

Wer bin ich?

In seinem WDR-Beitrag ‹Wer bin ich 2.0 – Das Höhere Selbst› stellt der Radioautor Christian Seebaum existenzielle Fragen: Was ist das Höhere Selbst? Wer antwortet, wenn wir auf der Suche nach Klarheit und Wahrheit sind? Wie findet man sein eigenes Ich? Und wofür soll das eigene menschliche Leben eigentlich gut sein? Diese Fragen stellt die äußere Welt nicht, wir müssen sie uns selbst stellen, im Inneren. Viele Menschen tun dies, wenn sie eine Krise erleben. Manche stellen sich die Fragen einfach so. Seebaum bekommt Antworten bei mehreren Menschen und aus diversen Weltanschauungen: in der hinduistischen Philosophie Vedanta, im Buddhismus und auch in der Anthroposophie. Er spricht mit Martin, der Sinn in Rudolf Steiners Werk ‹Die Philosophie der Freiheit› findet; in Steiners Anregung, das eigene Leben in einem größeren Zusammenhang zu betrachten, rote Fäden zu sehen, und auf etwas zu vertrauen, das größer ist als wir selbst. Der Beitrag ist noch bis 10. April 2027 in der WDR-Mediathek verfügbar.

Paula Boslau · 29. April 2026 · 1 Min.

Liebe und Freiheit

Liebe und Freiheit

Basel, Schweiz. ‹Heilkraft der Liebe – Heilkraft der Kunst› ist eine neue Gesprächsreihe, die von der Heart-Based Medicine Foundation und dem Philosophicum Basel organisiert wird. Im April fand die erste Veranstaltung unter der Frage ‹Kann uns die Liebe befreien?› statt. Ausgehend von dem Film ‹Die Frau mit den 5 Elefanten› über die Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier und von Dostojewskis Werk, ging es an dem Abend um Freiheit, Liebe, Kunst und Heilung. Luke Wilkins, Schriftsteller und Co-Kurator der Reihe, im Interview.

Paula Boslau · 29. April 2026 · 1 Min.

Der Hofpoet der Kritischen Theorie

Der Hofpoet der Kritischen Theorie

Der Tod des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge hat mich besonders berührt, weil ich persönlichen Kontakt zu ihm hatte, das erste Mal 1999, als Kluge mich in Berlin zu einem Gespräch über meinen Film ‹Schwarze Sonne› für seinen DCTP-Kanal bei Sat1 einlud.1 Es war die Zeit der Berlinale und wir tauchten in einem intensiven Austausch in die bizarre Mythenwelt des Nationalsozialismus ein, die ich in einem Dokumentarfilm erforscht hatte. Wir trafen uns im Hotel Intercontinental, wo viele Regisseure, Schauspielerinnen, Filmproduzenten und Festivalbesuchende abgestiegen waren. Kluge hatte im Rummel des Foyers Kameras und Scheinwerfer aufgebaut. Doch weder die vielen Menschen noch die Geräuschkulisse störten uns, da wir durch einen Kokon von Intensität von der Außenwelt abgeschirmt wurden. Ich erläuterte Kluge mythologische Dimensionen hinter der Nazi- und SS-Ideologie, die auch ihm gänzlich unbekannt waren, sprach etwa über kultische Räume der Wewelsburg oder die Vorstellung Heinrich Himmlers, eine Inkarnation von König Heinrich I. zu sein, mit dem er an dessen Grab in der Krypta des Quedlinburger Domes nächtliche Zwiesprache hielt. Das Besondere an Kluge war dessen offene Geisteshaltung für diese Themen. «Man muss das Gift studieren», sagte er während des Interviews, echte Aufklärung müsse die «Notwendigkeit reaktualisieren, warum der Nationalsozialismus in die Welt kam», nur «an der Kampfzone, an der Verwundung selbst kann etwas heilen.»2

Rüdiger Sünner · 21. April 2026 · 4 Min.