Das Goetheanum
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Faust

11 Beiträge

Kreaturen, die wir machten

Kreaturen, die wir machten

Dass der Mensch Gefahr läuft, Gefangener jener Geschöpfe zu werden, die er selbst geschaffen hat, ist ein urfaustisches Motiv – und brennend aktuell. Im künstlich-intelligenten Maschinenpark des digitalen Zeitalters stellt sich akut die Frage, wer hier eigentlich wem dient. Die smarten Homunkulus-Maschinen uns? Oder wir ihnen? Mephisto bringt diese freiheitsverlustige Lage in ‹Faust II› wie folgt auf den Punkt: «Am Ende hängen wir doch ab / Von Kreaturen, die wir machten.» (Vers 7003 f.) Das darf freilich nicht nur als teuflischer Kommentar zur Menschheitsgeschichte gelesen werden, sondern auch als Eingeständnis höherer Ohnmacht. Denn es ist mit Mephisto ein gefallener Engel, der dies ausspricht – und der damit gleichsam stellvertretend für die Ober- und Unterwelt die Freiheit des Menschen betont. Sie, die Götter und Teufel, hängen längst ab von der irdischen Kreatur, «die wir machten». Als Co-Gott und Co-Teufel ist der freie Mensch zum Schicksal von Himmel und Hölle geworden. Und zum Schicksal seiner selbst. Denn auch das ist wahr: dass ich von mir selbst abhängig bin. Ich widerfahre mir immer wieder als gemachtes, bedürftiges Geschöpf. Und ich muss mich immer wieder als Schöpfer schöpfen, um mich als Geschöpf aufzuheben; um als Kreator meine Kreatürlichkeit zu überwinden.

Philip Kovce · 18. Juni 2026 · 1 Min.

Japanischer Auftakt

Japanischer Auftakt

Zum Beginn der Probenzeit für die ‹Faust›-Aufführung hat Yuma Ito, Eurythmist im Ensemble, seinen Vater Tomokazu mit dessen Frau und dessen Studierenden mitgebracht. Tomokazu ist Kampfkunsttrainer. Für das Ensemble hat er eine Reihe von Bewegungs- und Erfahrungsübungen zur inneren Stabilität mitgebracht. Bei einer Übung sollte man den Arm um den Nacken einer auf dem Rücken liegenden Person legen und sie in die Sitzposition aufrichten, ohne dass der oder die Liegende hilft. Ergebnis: Die Kraft reicht nicht aus. Sobald man allerdings gleichzeitig den Namen der liegenden Person ruft, hebt sich die liegende Position wie von Zauberhand. Tomokazu: «Wenn du den Namen rufst, dann rufst du die Einheit der Persönlichkeit herein, und das schenkt dem Leib die Kraft, sich auch ohne Willensanstrengung aufzurichten.» Es war eine geheimnisvolle Übung, die die Spielenden an die Kraft der Sprache erinnerte.

Redaktion · 10. Juni 2026 · 1 Min.

Hast du die Sorge nie gekannt?

Hast du die Sorge nie gekannt?

So fragt die geheimnisvolle Gestalt am Ende des Dramas. Die Sorge trifft Faust als Hundertjährigen. Deren Schwestern, Mangel, Schuld und Not, vermag er auszusperren, aber nicht die Sorge. Als würde jemand aus der Überfülle heutigen Konsums sprechen, bekennt Faust: «Was nicht genügte, ließ ich fahren, Was mir entwischte, ließ ich ziehn.» Und die Sorge gibt die Diagnose, die zur allgemeinen Einsicht eines Konsumzeitalters gehört: «Er verhungert in der Fülle.» Wie in der Antike, wo der Blinde sehend wird, nimmt die Sorge Faust sein Augenlicht und langsam dämmert es ihm: «Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen, / Allein im Innern leuchtet helles Licht».

Redaktion · 03. Juni 2026 · 1 Min.

… und leg den Schmuck hier heimlich an

… und leg den Schmuck hier heimlich an

Von Lieschen bis zur Sorge – sieben weibliche Neben-Hauptrollen der aktuellen ‹Faust›-Inszenierung sind hier im Fokus. Jetzt Marthe Schwertlein. Sie ist die Nachbarin und Vertraute von Gretchen und führt sie in die Tragödie. Wie ist das möglich? Zweierlei kommt bei Marthe zusammen: Als alleinstehende Frau ist sie von den gesellschaftlichen Umständen abhängig und zugleich zeigt sie persönliche Schwächen, nimmt es nicht genau mit ihrem inneren Kompass. Aus dieser Mischung – Schwäche und Bedrängnis außen und Schwächen innen – formt sich das Verderben.

Redaktion · 28. Mai 2026 · 1 Min.

Theater im Augenblick

Theater im Augenblick

In wenigen Wochen beginnen die Proben für die drei ‹Faust›-Sommerspiele im Juli. Jetzt trafen sich die Spielenden Sangita Singh (Gretchen) und Jeroen Engelsman (junger Faust) nach der Spielpause zum ersten Mal. Eine Fotosession mit der Fotografin Laura Pfaehler stand auf dem Programm. 500-mal surrt der Auslöser, blitzt die Lampe, um eine Handvoll gute Fotos des Paares zu liefern. Was im Theater Bewegung ist, das wird mit der Kamera zum Moment. Wie oft geschieht es, dass dabei im eingefrorenen Augenblick die Regung der Seele erstarrt und so an Innerlichkeit verliert. In einem von 100 Bildern geschieht das Gegenteil, da ist selbst im Stillstand des Fotos die Bewegung erhalten. Sie wird zur Bewegung in der Ruhe, lässt das Gemüt der Gebannten leuchten. Das macht Porträtfotografie zu heiligem Dienst – Theater im Augenblick.

Redaktion · 20. Mai 2026 · 1 Min.

Teuflische Ellipsen

Teuflische Ellipsen

«Hast nichts von Bärbelchen gehört?», so fragt in Goethes ‹Faust› Lieschen ihre Freundin Gretchen. Es ist eine rhetorische, vergiftete Frage, denn Lieschen weiß, dass Bärbel unehelich schwanger ist – in der ‹Faust›-Zeit eine soziale Katastrophe. Lieschen repräsentiert diese ‹öffentliche Meinung›, den ungeschriebenen und zugleich machtvollen Kodex, was sich gehört und was nicht. Diese trifft in ihrer Scheinheiligkeit und Mitleidslosigkeit auf das ebenfalls schwangere Gretchen. Goethe wählt als Sprachform die Ellipse, bei der im Satz ein Wort ausgelassen wird, das sich aber selbsterklärend füllen lässt. In der Eingangsfrage ist es das ‹Du›, das man für den vollständigen Satz ergänzen muss. So auch im letzten Satz, wo Lieschen von Bärbels Partner spricht: «Er ist auch fort.» Hier fehlt «gegangen». Wie die so schrecklich wirkende öffentliche Meinung, die Lieschen als Drohkulisse für Gretchen aufbaut, betonen die Ellipsen in ihrer Giftrede scheinbare Selbstverständlichkeiten, das Unausgesprochene, das jedem klar ist. Weil es ungesagt bleibt, vermag man es nicht zu stellen. Das macht es teuflischer als Mephisto, denn anders als sie stellt er das Böse ins Licht.

Redaktion · 13. Mai 2026 · 1 Min.

Galatea, die Schönste

Galatea, die Schönste

Wo die Natur sich als Wind oder Flut bewegt, da dachten die Griechen der Antike Naturwesen, die Nymphen. Die Nereiden, hundert Töchter des Nereus, wie Platon erzählt, sind solche auf Delfinen reitenden Elementarwesen im Mittelmeer. Kalypso, die sich in Odysseus verliebt, ist eine der bekanntesten und Galatea, die ‹Milchweiße›, die schönste unter ihnen. Bei Homer ist sie mit dem einäugigen Riesen Polyphem verbunden – derselbe Mythos wie später das Märchen ‹Die Schöne und das Biest›: Schönheit macht das Hässliche schön. Bei Ovid ist sie eine Statue von solcher Schönheit, dass sich der Bildhauer in sein Werk verliebt und Aphrodite ihr darauf das Leben schenkt. Schönheit macht lebendig! Das nimmt Goethe für den ‹Faust›. Dort will der Kunstmensch Homunculus lebendig werden und stürzt sich dazu in diese Naturschönheit. Auch hier: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.»

Redaktion · 07. Mai 2026 · 1 Min.

Ich harre, mich umkreist die Zeit

Ich harre, mich umkreist die Zeit

Sieben weibliche Nebenhauptfiguren aus Goethes ‹Faust› erscheinen hier in einer Reihe: Manto ist die geheimnisvollste unter ihnen. Faust begegnet ihr auf seinem Weg zur ‹asklepischen Kur›, der Heilung und Einweihung im antiken Griechenland. Wieder verschiebt Goethe die Überlieferung. Im griechischen Mythos ist Manto die Tochter des Sehers Teiresias und damit selbst eine Seherin. Dies führt sie nach Delphi zu Apollons Orakel. Bei Goethe ist sie als Prophetin der Zeit enthoben, und deshalb ist ihr Zuruf zu Faust, wenn sie ihn in die Unterwelt eintreten lässt: «Den lieb ich, der Unmögliches begehrt», zugleich eine Weissagung seines Gelingens. Als Tochter des Heilgottes Asklepios ist sie bei Goethe darüberhinaus eine Heilerin und überragt wegen ihrer doppelten Gabe, zu heilen und zu prophezeien, den Heilhalbgott Chiron, der Faust zu ihr führt. Manto zeigt, dass im Heilen Prophetisches liegt.

Redaktion · 21. April 2026 · 1 Min.